Von April 2008 bis Dezember 2010 habe ich den postgraduierten Fortbildungslehrgang zum Logotherapeuten am Süddeutschen Institut für Logotherapie und Existenzanalyse in Fürstenfeldbruck besucht. Am 13.12.2010 habe ich die Ausbildung offiziell abschließen können und das entsprechende Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie (DGLE) erhalten. Die Logotherapie wird auch bezeichnet als "3. Wiener Schule der Psychotherapie" und wurde begründet vom Wiener Psychiater, Neurologen und Philosophen Viktor Emil Frankl. Die 3 Grundannahmen der Logotherapie habe ich im folgenden versucht, verständlich zusammenzufassen:

Die drei Axiome Logo-Theorie (nach V.E. Frankl)

1. Der freie Wille: Der Mensch verfügt über einen grundsätzlich freien Willen. Auch wenn er durch Genetik und Umwelt (mit-)determiniert ist. Erst die Annahme des freien Willens gibt dem Menschen die Würde - denn hätte er keinen freien Willen, könnte man ihn auch für keine Handlung verantwortlich machen. In der Wahrnehmung der Verantwortung für sein Leben erlebt sich der Mensch aber erst als Individuum, dass sich unter anderen bewegt und sich in die Welt einbringen kann - oder eben nicht. Dies führt uns zur Frage, wie die Handlungsmotivation des Menschen zu erklären ist. Was veranlasst einen Menschen dazu, sich in dieser Welt zu bewegen, sie zu gestalten, sein Leben zu gestalten, Möglichkeiten wahrzunehmen und andere widerum zu verwerfen? Ist es das von Freud postulierte triebhafte Streben nach Lust und Befriedigung? Oder das Machstreben im Sinne der Psychologie Alfred Adlers?? Nach Viktor Frankl ist die primäre Handlungsmotivation des Menschen nicht der "Wille zur Lust" oder der "Wille zu Macht" (wie gesagt im Sinne Adlers zu verstehen, nicht im Sinne Nietzsches!), sondern

2. Der Wille zum Sinn. Der Mensch erlebt sich in seinem Leben als sinnorientiert-handelndes Lebewesen. Er ist auf der Suche nach Sinn - und kann diesen grundsätzlich auf "3 Hauptstraßen" erreichen. Er kann ein Werk schaffen, bzw. sich einer Aufgabe annehmen, die seinem Dasein Sinn verleiht (Verwirklichung von Schöpfungswerten), er kann sich liebend seinen Mitmenschen hingeben, "sich liebend verschenken" (Erlebniswerte), oder er kann - im Falle in dem die Verwirklichung von Erlebnis- und Schöpfungswerten nicht mehr oder nicht mehr lange möglich ist (z.B. im Falle unheilbarer Krankheit) seine Einstellung zum Schicksal in einer Weise gestalten, das er selbst sein Leid noch als sinnvoll erleben kann. Grundsätzlich gilt: Der Mensch ist bereit auch schmerzliche Situationen durchzustehen, Entbehrungen zu leisten, Verzicht zu erbringen, wenn es denn in den Augen des Einzelnen nur Sinn hat! Hier setzt auch die Hauptkritik Frankls an den Thesen Freuds an. Denn wenn der Mensch primär lustorientiert wäre, warum sollten dann sich Menschen noch für ihre Mitmenschen einsetzen? Warum sollten sich Hochleistungssportler jahrelang für minimale Verbesserungen in ihren Leistungen durch tausende brutale Trainingseinheiten quälen, statt ihr "Lustbedürfnis" bei einer Kneipentour zu befriedigen? Warum sollte auch nur ein Wissenschaftler jahrzehntelang studieren und arbeiten und forschen, wenn es ihm primär um Lust gehen würde? Weil es eben nicht so ist. Er, genau wie der Sportler, genau wie die 5-fache Mutter die oft 20-Stunden auf den Beinen ist, statt mit einer Dose Prosecco in die nächste Disco zu stöckeln, sehen einen Sinn in dem was sie tun. Und nur aufgrund dieses Sinnes handeln sie tagtäglich. Wer keinen Sinn sieht handelt nicht. Und die unzufriedensten Menschen sind die (und das sehe ich tagtäglich), die sich nur nach dem richten, zu dem sie gerade "Lust haben" und die sofort weglaufen, wenn es gilt, etwas zu tun, wozu sie "keinen Bock" haben. Das führt uns schließlich zum 3. Axiom der Frankl'schen Logotherapie:

3. Der Sinn des Lebens. Jeder Mensch, von ganz wenigen - meist geistig stark gehandicapten - Menschen abgesehen, fragen sich früher oder später in ihrem Leben nach dem Sinn des Lebens. Nach den Sinn im allgemeinen und dem Sinn in ihrem persönlichen Dasein im besonderen. Menschen verlangen nach einer persönlichen Aufgabe, nach einer persönlichen Verantwortung (und hier schließt sich u.a. wieder der Kreis zum 1. Axiom). Wer solch eine Aufgabe hat, und einen Sinn darin sieht, der hat auch einen Grund glücklich zu sein. Wer dagegen sein Glück rein in der Befriedigung seiner Lust sucht, wird den "Sinn seines Lebens" verfehlen und landet in der Sackgasse des Willens zur Lust: Der Promiskuität, der Sucht usw., was schließlich früher oder später zum psychischen und/oder physischen Zusammenbruch führt.

Hier einige weitere grundlegende Statements zur Logotherapie, die so auch auf der Homepage des Süddeutschen Institutes zu finden sind und die einige der Kerngedanken auf den Punkt bringen, die in der Logotherapie vermittelt werden sollen:

Was wir wollen, was wir brauchen, ist nicht nur das Geld, von dem wir leben können, sondern in erster Linie etwas, für das wir leben können – etwas, was unserem Leben Sinn gibt! Es gibt also nicht nur einen Hunger nach Brot, sondern auch einen Hunger nach Sinn! Und das wird auch im Wohlfahrtsstaat zuwenig berücksichtigt! Auch im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit. Die seelische Not des Arbeitslosen wird kaum berücksichtigt. (…) Die Depression hängt nicht allein davon ab, ob da einer arbeitslos ist oder nicht, sondern eher davon, ob er sein Leben sinnlos hält oder nicht. (…) Die Sinnorientierung ist nicht nur lebenswichtig, sondern überlebens-wichtig! (…) In jedem Menschen steckt das alte und ewige metaphysische Bedürfnis, sich Rechenschaft abzulegen über den Sinn des Daseins. (Viktor Frankl)

Der Anspruch der Logotherapie ist schlicht: Sie will Wegbereiter zu einem sinnvollen Leben sein. Es finden sich in ihr philosophische, medizinische, pädagogische, psychotherapeutische, psychiatrische und seelsorgerliche Aspekte, aber sie selbst ist wohl am besten zu charakterisieren als eine wahrhaft ganzheitliche Synopsis vom Menschen und seinem „Auftrag“ in dieser Welt. (…) Die Logotherapie kann zwar keine theologischen Antworten geben, aber sie kann eine Brücke bilden zur Vernehmung jener Antworten, die aus der unbewußten Geistigkeit des tiefsten (oder höchsten) Seins der Fragenden selbst entstammen. Um eine solche Brückenfunktion zu erfüllen, hat sie „Werkzeuge“ wie keine andere Psychotherapie. (Elisabeth Lukas)

Besonders prägnant und eindrucksvoll drückt es die wichtigste Schülerin des 1997 verstorbenen Viktor E. Frankls, Dr. Elisabeth Lukas an folgender Stelle aus:

Das letzte Sollen des Menschen ist eben nicht, sich vor Unannehmlichkeiten zu schützen, sondern sich in Gottvertrauen fruchtbar einzubringen in unsere Welt. Neben den eigenen Bedürfnissen gibt es auch eine Bedürftigkeit der Welt. Sie einfühlsam wahrzunehmen, ist für seelisch kranke Menschen „Medizin vom Feinsten“. (Elisabeth Lukas)

Ein wichtiges Anliegen, welches die Logotherapie der Gegenwart in der Therapie sinnsuchender Menschen (mit-)verfolgt, ist Losung am Eingang des Orakels von Delphi von Pindar: "Erkenne dich selbst". Der Gedanke, dass es das Ziel des menschlichen Lebens ("der Sinn") ist, der zu werden, der man im tiefsten seiner Seele ist ("werden wie man von Gott her gemeint ist") beschäftigt nicht nur den vielleicht bedeutendsten Logotherapeuten der Gegenwart, Prof. Dr. Wolfram Kurz, sondern auch mich nachdrücklich.

Fragen, die im Rahmen einer logotherapeutischen Begleitung aufkommen, sind dementsprechend z.B. folgende:

Wer bin ich eigentlich?

Wie hat mich Gott gemeint? (Auch nicht religiöse Menschen dürfen sich diese Frage stellen - sie können "Gott" beispielsweise durch "Schicksal" oder "Natur" ersetzen:.)

Stimmt der Lebensentwurf den ich momentan verfolge mit dem Entwurf überein, der sich mir in einer tiefen Meditation offenbart? Oder einfacher: Fühlt sich mein Leben "richtig" an?

Wozu bin ich da - was kann, was soll ich tun?