"Wer nicht von dreitausend Jahren

Sich weiß Rechenschaft zu geben,

Bleib im Dunkeln unerfahren,

Mag von Tag zu Tage leben"

- Johann Wolfgang von Goethe

Solange ich denken kann, beschäftige ich mich mit den grundlegenden Fragen menschlichen Daseins. So kann ich mich z.B. an eine Situation als etwa 7-jähriger Junge erinnern, in welcher mir bewusst wurde, dass es aus diesem Universum für uns Menschen (zumindest im physischen Sinne) kein Entrinnen gibt. Egal was ich tue, ich werde "da nie rauskommen". Daran knüpfte ich umgehend die Frage an, wer uns Menschen denn denn in dieses Universum "reingesteckt" hat und wozu das gut sein soll. Ohne mir über die Tragweite dieser, kindlich formulierten, "ewigen" Fragen klar gewesen zu sein, ging hier eine Suche los. Die Suche nach Antworten auf Fragen, welche schon so alt sind wie die Menschheit selber. Solange der Mensch als Wesen mit der Fähigkeit, Fragen zu stellen, existiert, fragt er transzendental - also über sich selbst hinausgehend. Und genau diese Fragen reizen mich. Sie reizen mich so sehr, dass ich mir nicht vorstellen könnte, ein gutes Leben zu führen, ohne mich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Jeder Mensch lebt nach seiner eigenen Philosophie. Ganz banal gesprochen, kann man darunter das (mehr oder weniger bewusst durchdachte) Lebenskonzept des Individuums verstehen. Für mich ist die bewusste Auseinandersetzung mit der Philosophie die Möglichkeit, das eigene Leben aus einer kritischen Distanz zu hinterfragen und dem Wesen der Dinge auf den Grund zu gehen. Vielleicht lässt sich dieses "Wesen der Dinge" nie endgültig entschlüsseln, aber schon das Nachdenken darüber erzeugt in mir eine gewisse Zufriedenheit. Sich nie mehr mit der erstbesten Erklärung zufriedengeben, den Zeitgeist kritisch in Frage stellen, verschiedene Konzepte und Philosophien kritisch (und doch auch wohlwollend) zu vergleichen - das alles bewirkt eine veränderte Haltung zum Leben selbst, welches sich - zumindest für mich - dann authentischer anfühlt.

In den letzten 2500 Jahren haben sich viele herausragende Philosophen mit den existenziellen Fragen des menschlichen Daseins beschäftigt - mit unterschiedlichen Ansichten und Schwerpunkten zwar, aber immer  mit dieser Sehnsucht, die sich in ihrer höchsten Form nur als "Liebe" beschreiben lässt - als Liebe zur Weisheit eben.

Eigenes Forschungsinteresse I: Das gute Leben und die Legitimität universalistischer Menschenbilder

In meiner Dissertation beschäftigte ich mich mit dem Begriff des guten Lebens bei Martha Nussbaum. Hier zeigen sich zwei zentrale Aspekte meines eigenen philosophischen Interesses: Zum einen betrifft dies Fragen nach dem Wesen des Menschen (philosophische Anthropologie) und, damit verbunden, Fragen nach dem Wesen des guten menschlichen Lebens (Ethik). Zum anderen geht es hier auch um die Frage, inwiefern sich aus anthropologischen und ethischen Überlegungen Hinweise für die Legitimität von universalistischen Menschenbildern ergeben. Mit anderen Worten: Lässt sich - allen kulturellen, ethnischen und religiösen Unterschieden zum Trotz - trotzdem so etwas wie ein "gemeinsames Bild vom Menschen" postulieren, welches normativ gehaltvoll Aussagen darüber zulässt, wie Menschen ihr Leben und ihr Zusammenleben organisieren sollten?

Eigenes Forschungsinteresse II: Philosophische Grundlegung der Sozialen Arbeit

Ein künftiges, großangelegtes Forschungsprojekt wird für mich die Frage nach den philosophischen Grundlagen der Sozialen Arbeit sein. Als Sozialpädagoge bin ich seit 2005 in verschiedenen Berufsfeldern tätig. Dabei war ich bisher u.a. in der Hilfe für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten tätig, später dann für benachteiligte Jugendliche ohne Ausbildungsplatz in Ostberlin. Von 2008-2012 war ich in der ambulanten und teilstationären Nachsorge für junge Suchtkranke in München tätig und seit Anfang 2013 arbeite ich mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und in der Ambulanten Erziehungshilfe.

Das Proprium (also, wenn man so will, der "Treibstoff") aller Sozialen Arbeit ist eine mehr oder weniger reflektierte Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit. Doch was hat es mit der Idee der Gerechtigkeit eigentlich auf sich? Ist Gerechtigkeit ein objektivierbares Ideal oder eher ein Konglomerat subjektiver Intuitionen? Weitere Fragen die hier einer philosophischen Reflexion bedürfen sind sowohl theoretischer Natur (z.B. Was bedeutet "helfen"? Was ist eine "funktionierende Gesellschaft"? Was ist ein "selbstständiges Leben"?) als auch praktischer Natur (z.B. Welchen Sinn macht Soziale Arbeit wenn die Hilfe nicht gewünscht wird? Wie geht man als Sozialarbeiter mit Gefühlen der Sinnlosigkeit des eigenen Handelns im Angesicht der oftmals erscheinenden Übermacht an sozialen Problemen um?).

Eigenes Forschungsinteresse III: Philosophische Motivationstheorien

"Mensch sein, heißt Sinn finden" - so drückte es der berühmte Wiener Psychologe und Philosoph Viktor Frankl aus. Und tatsächlich sehe ich auch den Menschen in letzter Konsequenz von einem "Willen zum Sinn" durchdrungen. Alle Handlungen werden von uns Menschen immer auf ihre Sinnhaftigkeit hin vollzogen. Wo dieser Bezug zum Sinn verloren zu gehen droht, entsteht ein Vakuum an Sinn welches sich auf Dauer gesehen in einem latenten Sinnlosigkeitsgefühl manifestieren kann. Und dieses wiederum kann sich auf unser Wohlbefinden negativ, ja krankhaft auswirken.

Eine Frage, die hier für mich ein zentrales Interesse darstellt: Kann Sinn nur subjektiv  erzeugt werden oder gibt es so etwas wie einen objektiven Sinn? Eng damit zusammenhängend lässt sich fragen, ob es objektive Werte gibt, die von allen Menschen empfunden werden können, die uns sozusagen "eingeboren" sind oder ob Werte (in Anlehnung an Nietzsche) im Zeitalter eines (scheinbar)  immer lückenloser werdenden naturwissenschaftlichen Weltbildes nur als vom Individuum  selbsterzeugt gedacht werden können.

Und schließlich: Lässt sich überhaupt eine kohärente Theorie der Werte und Handlungsmaximen behaupten ohne dass diese metaphysisch in einer letzten legitimierenden Instanz (Gott) ihren Ursprung haben müssen?